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Resilienz – die Widerstandskraft der Seele stärken

Was versteht man unter Resilienz und wie wird sie entwickelt?

Der Begriff Resilienz leitet sich ab vom Englischen „resilience“, was so viel wie Widerstandsfähigkeit, Spannkraft oder Elastizität bedeutet. Gemeint ist damit die „psychische Widerstandsfähigkeit gegenüber biologischen, psychologischen und psychosozialen Entwicklungsrisiken“ (Wustmann 2004,18). Oder wie Welter-Enderlin formuliert: „Unter Resilienz wird die Fähigkeit von Menschen verstanden, Krisen im Lebenszyklus unter Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen zu meistern und als Anlass für Entwicklung zu nutzen (Welter-Enderlin 2006,13). Resilienz ist also keine angeborene Fähigkeit, sondern das Ergebnis der Entwicklung von Einzelkompetenzen in verschiedenen Situationen, die unter Belastung aktiviert werden und sich als Resilienz manifestieren. Grundlage für die Entwicklung seelischer Widerstandskraft ist für Kinder zum einen die Beziehung zu mindestens einer Bezugsperson, die konstant verfügbar ist, die wohlwollend und wertschätzend mit den Fähigkeiten des Kindes umgeht und einen feinfühligen Umgang mit ihm hat. Im Idealfall sind dies die Eltern oder andere nahe Familienmitglieder, es können aber auch pädagogische Fachkräfte z.B. aus Kindertageseinrichtungen sein. Zum anderen trägt die Entwicklung personaler Schutzfaktoren, sog. Resilienzfaktoren zur positiven Bewältigung von Belastungen und Krisen bei.

Was sind Resilienzfaktoren?

Fröhlich-Gildhoff, K. und Rönnau-Böse haben aus Langzeitstudien sechs wesentliche Resilienzfaktoren extrahiert:

    • Selbst-und Fremdwahrnehmung: Damit ist die Fähigkeit gemeint, die eigenen Gefühle und Gedanken ganzheitlich wahrzunehmen und zu reflektieren und auch andere Personen angemessen wahrzunehmen und sich ins Verhältnis ihrer Wahrnehmung zu setzen (Fremdwahrnehmung), also realistisch einschätzen zu können, wie andere uns wahrnehmen.
    • Selbstwirksamkeit: Unter Selbstwirksamkeit versteht man das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und verfügbaren Mittel sowie die Überzeugung, ein bestimmtes Ziel auch durch Überwindung von Hindernissen erreichen zu können. Eine große Bedeutung hat dabei die Erwartung, dass das eigene Handeln den gewünschten positiven Effekt haben wird.
    • Selbststeuerung/-regulation: Damit ist die Kompetenz gemeint, emotional flexibel auf unterschiedliche Belastungssituationen zu reagieren zu können und je nach Anforderung den Erregungszustand herauf- oder herunterzuregulieren. Säuglinge und Kinder lernen das im allgemeinen bis zum 5. Lebensjahr mit Unterstützung erwachsener Bezugspersonen.
    • Soziale Kompetenz: Gemeint ist damit die Verfügbarkeit und angemessene Anwendung von Verhaltensweisen (motorischen, kognitiven und emotionalen) zur Auseinandersetzung mit konkreten Lebenssituationen, die für das Individuum und / oder seine Umwelt relevant sind. Das verhalten ist dann effektiv, wenn es dem Individuum kurz-und langfristig ein Maximum an positiven und ein Minimum an negativen Konsequenzen bringt, gleichzeitig für die soziale Umwelt und Gesellschaft nicht negativ, möglichst aber auch positiv ist (Sommer, 1977). Sozial kompetente Menschen können auf andere zugehen und Kontakt aufnehmen; sie können sich in andere einfühlen und soziale Situationen einschätzen; sie können sich aber auch selbst behaupten und Konflikte lösen (Fröhlich-Gildhoff & Rönnau-Böse 2014). Soziale Kompetenz umfasst auch die Fähigkeit, sich Unterstützung zu holen, wenn dies nötig ist.
    • Problemlösefähigkeiten: Beschreibt die Fähigkeit komplexe, nicht eindeutig zuzuordnende Sachverhalte gedanklich zu durchdringen und zu verstehen, um dann unter Rückgriff auf vorhandenes Wissen Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln, zu bewerten und erfolgreich umzusetzen (Leutner et al.2005). Um diese Fähigkeit zu entwickeln brauchen Kinder Erwachsene, die ihnen zutrauen Probleme grundsätzlich alleine zu lösen, und die erst dann Unterstützung geben, wenn das Kind darum bittet oder auch nach Ermutigung nicht zum Ziel kommt.
    • Aktive Bewältigungskompetenzen in Anforderungs- und Krisensituationen (Stressbewältigung): Resiliente Menschen können für sie stressige Situationen einschätzen, d.h. sie erkennen, ob sie für sie bewältigbar sind, und erkennen ihre Grenzen; sie kennen Bewältigungsstrategien und können diese anwenden, sie wissen, wie sie sich Unterstützung holen können und wann sie diese brauchen; sie können die Situation reflektieren und bewerten.

Diese sechs Resilienzfaktoren bestehen nicht unabhängig voneinander, sondern hängen zusammen. So ist für die soziale Kompetenz z.B. eine adäquate Fremdwahrnehmung eine entscheidende Voraussetzung. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass Resilienz keine angeborene Persönlichkeitseigenschaft ist, sondern im Verlauf des Lebens entwickelt wird; es ist ein dynamischer Anpassungs- und Entwicklungsprozeß, der von Erlebnissen und Erfahrungen abhängig ist; von besonderer Bedeutung sind dabei die frühen Lebensjahre, jedoch ist es auch zeitlebens möglich die seelischen Widerstandskräfte zu stärken. Unterstützend kann dabei ambulante oder stationäre Psychotherapie sein.

Resilienzförderung im Rahmen von ambulanter oder stationärer Psychotherapie

Je nach Lebensalter und Entwicklungsphase stellen sich den Menschen unterschiedliche Entwicklungsaufgaben und Herausforderungen an ihre Bewältigungskompentenzen. Sollten die bisher erworbenen Bewältigungskompetenzen für das Lösen von Konflikten oder Krisensituationen oder gar von seelischen Verletzungen nicht ausreichen und die betroffenen Menschen entscheiden sich für psychotherapeutische Unterstützung, so könnten, entsprechend dem Resilienzkonzept, Resilienzfaktoren im Rahmen der therapeutischen Arbeit gestärkt werden, die zur Bewältigung des Konflikts oder der Krise notwendig sind.

Bei Kindern und Jugendlichen aus bindungsunsicheren Familien, gilt es z.B. sichere Beziehungserfahrungen im Rahmen von Therapie anzubieten, die Selbst- und Fremdwahrnehmung zu verbessern und möglicherweise zum Vereinssport zu ermutigen, um dort die soziale Kompetenz zu fördern.

Bei Erwachsenen, die wiederholt Mobbing-Erfahrungen gemacht haben und daran auch einen Eigenanteil sehen, könnte z.B. im Rahmen von Gruppengesprächen die Selbst- und Fremdwahrnehmung gestärkt werden, die Selbstregulation und –steuerungsfähigkeit verbessert und die soziale Kompetenz optimiert werden.

Bei Menschen in der sog. 3. Lebensphase könnten in der Therapie die Bewältigungsfähigkeiten für die Nacherwerbsphase gestärkt werden, indem z.B. neue Ziele gesucht werden oder soziale Beziehungen im privaten Umfeld neu gestaltet werden.

Bei Menschen in der sog. 4. Lebensphase könnten mit therapeutischer Unterstützung Funktionseinschränkungen, die körperlich und/oder geistig sein können, reflektiert und bewältigt werden. Die realistische Selbsteinschätzung mit der Akzeptanz von eigenen Grenzen könnte gefördert und neue altersgerechte Ziele formuliert und angegangen werden. Dies würde sich z.B. positiv auf die Selbstwirksamkeitserfahrung und aktive Bewältigungskompetenz auswirken.

Im stationären Alltag der psychotherapeutischen Behandlung im der Habichtswald-Klinik kann die Selbstwahrnehmung z. B. in der Körpertherapie, beim Sport und beim Yoga gestärkt werden.

Zur Verbesserung der Fremdwahrnehmung eignet sich die Gesprächsgruppe. Dort kann die eigene Wahrnehmung durch Rückfragen an die übrigen Gruppenteilnehmer überprüft werden.

Um das Selbstwirksamkeitserleben zu steigern, bekommen die Patientinnen und Patienten z.B. Aufgaben gestellt, die es im Rahmen des Klinikaufenthaltes zu bewältigen gilt und die sie üblicherweise scheuen, da sie sich, entsprechend ihrer bisherigen Lebenserfahrung sowieso keinen Erfolg versprechen. Dies könnte der Wunsch nach einem Zimmerwechsel in der Klinik sein oder ein Sitzplatz im Speisesaal mit Fensterblick oder zusätzliche Einzelstunden.

Die Selbststeuerung und Selbstregulation wird im Rahmen von Achtsamkeitstraining und Stressmanagmentgruppen geübt. Ziel ist u.a. auf einen erlebten Reiz, der z.B. Ärger auslöst, nicht sofort zu reagieren, sondern zunächst kurz inne zu halten, um sich für eine bewusste Reaktion entscheiden zu können, die möglicherweise zu positiveren Konsequenzen führt.

Die soziale Kompetenz kann im klinischen Alltag in allen Gruppensituationen ausgebaut und verbessert werden.

Die Problemlösefähigkeiten werden z.B. erweitert, indem in Einzeltherapiesitzungen ein konkretes Problem des Patienten mit der Unterstützung des Therapeuten exemplarisch und kleinschrittig bearbeitet wird. Dabei werden im besonderen die Fähigkeiten und Ressourcen über die der Patient verfügt, deutlich gemacht und benannt, mit deren Hilfe er das Problem lösen kann. Es werden gemeinsam verschiedenen Lösungswege und die sich daraus ableitenden Konsequenzen erarbeitet.

Zur Verbesserung der aktiven Bewältigungskompetenzen werden den Patientinnen und Patienten im therapeutischen Rahmen Möglichkeiten angeboten, die eigenen Grenzen wahrzunehmen und zu üben, sich Hilfe zu holen. Dies kann in allen therapeutischen Zusammenhängen geschehen und sich sowohl auf seelische Krisenerfahrungen beziehen, wo um therapeutische Unterstützung gebeten werden kann, wie auch auf körperliche Erkrankungen, wo Hilfe durch Pflegekräfte oder Ärzte gebeten werden kann. Für viele Patientinnen und Patienten mit psychosomatischen Erkrankungen ist das Wahrnehmen eigener Grenzen und das Annehmen von Unterstützung eine große Herausforderung, da sie es eher gewohnt sind, eigene Grenzen nicht wahrzunehmen oder zu ignorieren und darüber hinweg zu gehen ohne Hilfsangebote anzunehmen, was letztendlich zu psychosomatischen Erkrankungen führen kann.

Das Resilienzkonzept lässt sich unter einem ressourcenorientierten Blickwinkel auf alle Altersgruppen anwenden (vgl. Rönnau-Böse& Fröhlich-Gildhoff, K. 2015).

Auf individueller Ebene sind folgende Überzeugungen und Einstellungen hilfreich:

  • Positive Selbstwirksamkeits- und Kontrollüberzeugungen
  • differenziertes Selbstbild
  • Kreativität, Innovationsfähigkeit
  • Genereller Optimismus
  • Flexibilität hinsichtlich der Anpassung der Lebensziele und eine aktive Zielverfolgung
  • Positive subjektive Gesundheitseinstellung
  • Aufbau und Erhalt eines breiten Interessenspektrums
  • Möglichkeit und Bereitschaft an Bildungsangeboten zu partizipieren
  • Bereitschaft zum Aufbau und Erhalt sozialer Netzwerke
  • Lebenssinn und Lebenswille
  • Hoffnung

Die gezielte Förderung dieser Überzeugungen kann eine Leitlinie für die Inhalte von Psychotherapie darstellen.

Auf überindividueller Ebene haben sich folgende Unterstützungsfaktoren als hilfreich erwiesen:

  • wertschätzende soziale unterstützende Netzwerke, Familie, Freunde, Peergroup
  • Unterstützende Strukturen im Umfeld: Schulen, Vereine, Bildungsangebote, bürgerschaftliches Engagement, um Partizipation und Selbstwirksamkeit zu gewährleisten
  • Für ältere Menschen Strukturen der direkten Unterstützung, z.B. tagestrukturierende Angebote, Pflegeheime mit einem möglichst hohem Maß an Selbstbestimmungsmöglichkeiten

Resilienzförderung beruht auf dem Prinzip der Ressourcenstärkung – auf personaler wie sozialer und Umweltebene. Sie hat als wesentliche Grundlage die Erfahrung stabiler haltgebender und wertschätzender Beziehungen sowie den Aufbau personaler Kompetenzen. Diese Fähigkeiten können in den Familien, den Bildungsinstitutionen Kindertagesstätte und Schulen und später im Erwachsenenalter im Rahmen von ambulanten oder stationären Psychotherapien gefördert werden.

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Literatur:

Fröhlich-Gildhoff,K. & Rönnau-Böse, M.. Resilienz. München: UTB; 2014

Rönnau-Böse, M. & Fröhlich-Gildhoff, K.. Resilienz und Resilienzförderung über die Lebensspanne. Stuttgart: Kohlhammer; 2015

Sommer,G.. Gemeindepsychologie. Therapie und Prävention in der sozialen Umwelt. München/Wien: Urban und Schwarzenberg ; 1977

TK-Pressestelle. Depressionsatlas; 2015

Welter-Enderlin,R.. Resilienz aus der Sicht von Beratung und Therapie. Heidelberg: Carl-Auer; 2006

Wustmann,C..Resilienz. Widerstandsfähigkeit von Kindern in Tageseinrichtungen fördern. Weinheim: Beltz; 2004

 

 

 

 

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Veröffentlicht: 13.06.2016
Autor: Dr. med. Gabriele Fröhlich-Gildhoff
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Über den Autor

Chefärztin der Psychosomatik